Veranstaltung

Geschrieben von Dr. med. Bergunde am .

Zukunftswerkstatt Ambulante Anästhesie – Wo wollen wir hin?
Podiumsdiskussionen / Streitgespräche
23. November 2013, Ratingen, Auermühle


Begrüßung

Dr. Harald Hofer, Landesverbandvorsitzender BDA Nordrhein

Dr. Thomas Buchmann, Vorsitzender Anästhesienetz NRW e.V.

Jörg Karst, Anästhesienetz BB / Anästhesienetz Deutschland e.V.


Vortrag I

Horst G. Schmidt-Domin (Fa. medass, Essen)

Betriebswirtschaftliche Aspekte verschiedener Praxisformen

Kompetenter und umfassender Vortrag, beginnend mit einer Analyse der aktuellen Marktsituation: Zunahme von BAG, insbesondere MVZ und konsekutiv Abnahme der klassischen Einzelpraxen. Dabei zunehmend Ausgründung von MVZ durch Kliniken, insgesamt sich fortsetzender Trend einer Aufhebung der strikten Trennung zwischen ambulantem und stationärem Sektor. Ingesamt sei eine stärkere ökonomische Kompetenz für den niedergelassenen Anästhesisten zunehmend unablässig, auch dadurch, dass die Rahmenbedingungen auch unter dem Aspekt der aktuellen politischen Verhandlungen mehr auf ökonomische Einflussnahme hindeuteten.
Unter mahnendem Hinweis auf eine schlechte Datenlage gerade in unserer Fachrichtung präsentierte Herr Schmidt-Domin Zahlen zu Umsätzen, Kosten und Gewinnen für Einzel- und Gemeinschaftspraxen. Hier generieren Kollegen in BAG, auch nach Abzug der naturgemäß höheren Kosten, durchschnittlich etwas höhere Gewinne als die Einzelpraxen.
Anschließend wurden auf das GKV-VStG und die neue Bedarfsplanung in den Bereichen der beiden KVen in NRW eingegangen und die Implikationen für die Gestaltung aber auch Abgabe der Praxen abgeleitet.
Zivilrechtliche Aspekte der Ausgründung einer BAG hinsichtlich Gesellschaftsform und damit verbundener Haftung der Gesellschafter und die ausgelobte Förderung von Ärztenetzen durch die KVen runden den einleitenden Vortrag ab.
(Detailliert nachzulesen unter: www.medass-net.de/ana231113)


Vortrag II

Prof. Dr. Thomas Standl (Medizinischer Direktor Klinikum Solingen)

Ambulantes Operieren am Krankenhaus – der Goldstandard?


Sehr offene und transparente Darstellung der Implementierung eines fortschrittlichen ambulanten Settings am Klinikum Solingen unter Einschluss der betriebswirtschaftlichen Kennzahlen für diesen Sektor, aber zusätzlich in Relation zu den Kennzahlen des Gesamtklinikums. Im Vergleich zu anderen Krankenhauslösungen im Bereich des ambulanten Operierens sehr konsequentes und zeitgemäßes Konzept was Zeiten, Wege, Patientenunterbringung und auf der anderen Seite auch Personalschlüssel und Ressourceneinsatz angeht. Als Folge konstatiert Prof. Standl, dass ambulantes Operieren auch am Krankenhaus wirtschaftlich sinnvoll möglich ist, aber in Relation zu den Gesamtumsätzen ein Volumen um den 1%-Bereich hat und deshalb immer außerhalb des interessanten Fokus einer KH-Geschäftsführung bleiben wird.

Im Resümee trotz steigender Patienten- und Fallzahlen zu verzeichnender Gewinnrückgang durch bestehendes Vergütungssystem und zunehmenden Kostendruck. Hier sieht Prof. Standl weiterhin ökonomische Zwänge, die einen gewollten Transfer von ambulant möglichen Fällen in den stationären Bereich förderten, trotz primärer Fehlbelegungen von z.T. >50%.

Klare Vorteile des klinikambulanten externen Operierens sieht er in der Vermeidung nosokomialer Infektionen, geringerer Beeinträchtigungen der allgemeinen Homöostase der Patienten, einem Höchstmaß an Sicherheit sowie auf Betreiberseite der möglichen Portalfunktion für die durch das ambulante Operieren an das Haus gebundene Patienten bei nachfolgenden stationären Einweisungen.


Erste Podiumsdiskussion

Teilnehmer: Panagiota Petropoulaki (Vorsitzende BDA Landesverband Westfalen-Lippe), Horst G. Schmidt-Domin (s.o.), Prof. Dr. Thomas Standl (s.o.), Dr. Harald Hofer (s.o.), Dr. Roger Schmid (ASG Köln)

Moderation: Jörg Karst (s.o.)

Kernpunkte der moderierten einleitenden Diskussion: Die Runde ist sich einig, dass die globalen Rahmenbedingungen für das ambulante Operieren gut sind und das Volumen der Leistungen, die ambulant, mglw. auch kurzstationär im ambulanten Setting, erbracht werden können, zunehmend wohl auch müssen, steigend ist.

Die ökonomischen rationalen zusammen mit politisch gewollt gesetzten Anreizen werden dazu führen, dass es weiter verstärkt zu Kooperationsformen kommen wird. Dazu wird es durch die jüngsten berufs- und gesellschaftsrechtlichen Veränderungen und Liberalisierungen mehr Möglichkeiten geben. Die klassische Einzelpraxis wird in der Bedeutung abnehmen (H.G. Schmidt-Domin), alle Marktteilnehmer werden sich, um für die Zukunft gut aufgestellt zu sein aber v.a. in ihrer Region auch und gerade über die Fachgrenzen hinweg in Ärztenetzen verzahnen müssen (Dr. R. Schmid).

In der Diskussion mit dem Auditorium gibt es einige betriebswirtschaftlich und steuerrechtlich motivierte Fragen an Herrn Schmidt-Domin, darüber hinaus eine Diskussion zwischen Martin Zebulka-Rinke (OPZ Solingen) und, da direkt von diesem angesprochen, Prof. Standl zu den unterschiedlichen Ausgangspositionen der in Solingen konkurrierenden ambulanten OP-Einrichtungen des Klinikums und des OPZ im Südpark. Insbesondere der Rückgriff auf öffentliche Mittel bei der baulichen Bereitstellung (ehemals duale Finanzierung) bis zur Querfinanzierung/-subventionierung des ambulanten Operierens aus anderen Budgets der Kliniken werden von M. Zebulka-Rinke ins Feld geführt. Prof. Standl versichert, dass der Neubau des Klinikums, in dem auch der neue ambulante OP-Trakt untergebracht sei, nur direkt aus Klinikumsmitteln finanziert worden sei.


Mittagspause


Vortrag III

Dr. Ingo Pflugmacher (RA, Kanzlei Busse & Miessen, Bonn)

Wettbewerb unter Anästhesisten und um Operateure – wie viel Marktwirtschaft ist im System erlaubt und sinnvoll?

Dr. Pflugmacher leitet quasi zusammenfassend ein, indem er konstatiert, dass aus rein juristischer Sicht (inzwischen) die Grenzen des wirklich erlaubten recht weit gezogen seien.

Konkret problematisch sei weiterhin alles, was als „Überweisung gegen Entgelt“ klassifizierbar sei. Als Ausgangslage diene das BGH-Urteil vom 20.03.2013, in dem es konkret heißt: Rechtmäßige Kostenbeteiligung könne unterstellt werden, wenn es sich um eine „wesentliche Beteiligung an den nicht durch die gesetzlichen Gebühren gedeckten Kosten“ handele.

Weg vom rein Juristischen, eher unter makroökonomischen Gesichtspunkten, zeigte Dr. Pflugmacher u.a. am Beispiel des Preiswettbewerbs der Labormediziner, dass ein unregulierter marktwirtschaftlicher Wettbewerb innerhalb des eher planwirtschaftlichen Gerüstes aus Budgetierungen etc. mittel- bis langfristig der ganzen Fachgruppe und damit schlussendlich auch den einzelnen Markteilnehmern wieder schade. Er plädierte deshalb für einen Qualitätswettbewerb im weiteren Sinne und nannte als Zielkriterien z.B. „Qualität der medizinischen Leistung“, „erweiterten Service“ für Patient und operativen Partner, „Verlässlichkeit“ und „persönliche Harmonie“ im alltäglichen Arbeitsumgang miteinander.

Als Gerüst für einen sinnvoll selbstverpflichtend regulierten Markt brachte er beispielhaft den „Ehrenkodex“ des Anästhesienetzes Berlin-Brandenburg ein (Anm.: siehe Homepage ANBB). Dass solche Selbstverpflichtungen funktionieren könnten, zeige das Beispiel der forschenden Pharma-Unternehmen. Hauptargument dafür sei aber, dass solche Selbstverpflichtungen, besonders, wenn sie frühzeitig genug institutionalisiert würden, dem Gesetzgeber oder der Jurisdiktion vorgreifen könnten.


Zweite Podiumsdiskussion

Teilnehmer: Dr. Ingo Pflugmacher (s.o.), Andreas Henatsch (Vorstandsmitglied Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Chirurgen e.V.), Dr. Martin Bloch (Anaesthesio), Dr. Heinz Droste (Anästhesist in Einzelpraxis/Vorsitzender LAO), Martin Zebulka-Rinke (OPZ Solingen), Thomas Gräber (AnästhesieNetz Rhein-Ruhr, Bochum)

Moderation: Jörg Karst (s.o.)

Erste moderierte Gesprächsrunde über die gelebte Wirklichkeit im Umgang der Podiumsdiskutanten in ihren Kooperationen mit den jeweiligen Partnern beim ambulanten Operieren, konkret auch mit Kostenbeteiligungen, Kickbacks, Kopfpauschalen etc. A. Henatsch betont, dass auch aus Operateurssicht die patientenzentriert optimale und vertrauensvolle Zusammenarbeit das nachhaltigste und damit erfolgversprechendste Modell sein müsse. Auch indirekte Vorteilsgewährung wie Erbringung von Leistungen für den Operateur ohne eigene Abrechnung (v.a. Aufwachraum) oder ohne Rechnungsstellung (anästhesiologischer OP) werden vom Moderator kritisch nachgefragt.

Danach ergibt sich bei der für Fragen und Beiträge aus dem Auditorium freigegebenen Diskussion ein weitgehend einseitiger weiterer Verlauf. Die schon innerhalb der Podiumsdiskussion angestoßenen kritischen Nachfragen zu diesem Themenkomplex an Anaesthesio, in personam Dr. M. Bloch, finden konkrete Beispiele/Vorwürfe von anwesenden Kollegen. Über ca. eine Stunde verteidigt sich Dr. Bloch wiederholend mit den gleichen inhaltlichen, z.T. sogar wörtlichen Aussagen. Quintessenz: Man reagiere ausschließlich proaktiv in einem veränderten Markt auf die gestiegenen Qualitätsansprüche der Operateure. Auf mehrfache direkte Nachfrage, u.a. auch vom Moderator, ließ sich Dr. Bloch zu der Zusage bewegen, zukünftig immer bei möglichen Operateursübernahmen den jeweilig dort aktuell tätigen Anästhesisten zu kontaktieren.


Der Rahmen der in diesem Jahr erstmalig durchgeführten „Zukunftswerkstatt ambulante Anästhesie“ erlaubte intensive Diskussionen und Streigespräche. Nach dem Symposium war eine überaus positive Resonanz aller Teilnehmer zu verzeichnen, so dass eine Fortsetzung 2014 von den Veranstaltern (Anästhesenetz NRW, BDA und Arbeitskreis nordrheinischer Anästhesisten) angedacht ist.

Handfeste Themen echter Relevanz für die Arbeit (ökonomisch und praktisch) der niedergelassenen Anästhesisten NRW’s sollen auch weitere Kollegen dazu ermuntern, im nächsten Jahr an der Zukunftswerkstatt teilzunehmen.

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